Meine Reise durch Strom und Zeit: Sarada Schule in Nepal

von Sonja Eberle | mehr Artikel von | 17. September 2015 | Einblicke | Ein Kommentar

Puh, welche Erleichterung! Strom! Ich kann meine Kamerabatterie und das Handy aufladen. Natürlich gibt es Wichtigeres als Strom, aber ich freu mich nach einem langen Tag unterwegs in Kathmandu jetzt gerade doch sehr, gleich den Wasserkocher für Tee nutzen zu können. Ich bin zwar schon mehrere Tage in der Stadt, vergesse aber trotzdem immer wieder, dass Strom in Kathmandu rationiert ist. Die Stadt, deren Einwohnerzahl in vierzig Jahren von 150 000 auf 1,7 Millionen angeschwollen ist, bekommt nicht mal die Hälfte der Energie, die sie braucht. Also wird der Strom rationiert und zwischen den Stadtvierteln aufgeteilt. Zwölf bis vierzehn Stunden pro Tag sind die Steckdosen tot, die Schichtpläne hängen in jedem Hotel. Ich wohne aber nicht im Hotel, sondern in einer kleinen Mietwohnung der Welthungerhilfe. Ohne Schichtplan. Und komme abends zurück in mein Zimmer und checke als Erstes das Lämpchen an meiner Steckdosenleiste.

Auch die Zeitumstellung hat mich verblüfft. Nepal ist Deutschland 3 Stunden und 45 Minuten voraus. Eine minutengenaue Zeitverschiebung! Einzigartig! Die ist dem Umstand geschuldet, dass sich Nepal von seinem großen Bruder Indien abgrenzen möchte. So hat Nepal die Uhr einfach weitere 15 Minuten vorgestellt. Und da hört der Rechenspaß noch nicht auf: Nepal folgt einem anderen Kalendersystem, dem Bikram Sambat. Gezählt wird seit 57 v Chr., wir schreiben also das Jahr 2071. Als ich meine nepalesische Kollegin nach ihrem Alter fragte, dauerte ihre Antwort ein, zwei Augenblicke länger – meiner Ansicht nach sehr verständlich.

Schließlich bebt und grummelt die Erde hier nach wie vor, diesen Monat allein viermal mit Werten bis zu 4.5 auf der Richterskala. Auch das hat mich überrascht – vor allem im Zusammenhang mit der großen Angst, die die Nachbeben bei den Menschen auslöst. Ein Erdbeben hört man hier eher – es klingt, als würde ein Schwertransport am Welthungerhilfe-Büro vorbei rattern. Meinen nepalesischen Kollegen springen dann kurzzeitig vom Schreibtisch auf und erstarren zu Salzsäulen – sie wägen ab, ob sie nun besser nach draußen auf den Parkplatz rennen oder weiterarbeiten sollen. Das Ausmaß der psychologischen Folgen dieser fortwährend neu ausgelösten Angst kann ich nur erahnen.

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Diese und andere Überraschungen hat Kathmandu bisher für mich bereitgehalten. Kann ich also wirklich Erwartungen für meinen Schulbesuch am kommenden Montag haben? Doch, die habe ich. Schließlich ist dieser Schulbesuch der Sarada Schule der Grund meines Aufenthaltes in Nepal. Bestimmt werde ich auf unserer 7-stündigen Fahrt viel mehr zerstörte Häuser als in Kathmandu sehen – schließlich waren die ländlichen Regionen Nepals von den Beben weit schlimmer betroffen als die Hauptstadt. Ich erwarte sehr aufmerksame, disziplinierte Schülerinnen und Schüler im Unterricht. Und ich hoffe auf ganz normale Blödelei und Spiele in den Pausen.

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Ich habe die Studie gelesen, die die Architektin Sarah Hannou von der Welthungerhilfe-Partnerorganisation „Emergency Architects“ bei ihrem Besuch von der Sarada Schule angefertigt hat. Also weiß ich, dass die Sarada Schule für diese ländliche Region besonders ist: Sie bietet das Abitur an. Der Schulcampus ist groß, darauf stehen zehn Schulgebäude: Freistehende Klassenzimmer und das Lehrerzimmer – 387 Schüler gehen hier eigentlich zur Schule. Nach den Beben haben Polizei und Baubehörden jedoch an 17 Gebäuden über dem Türrahmen einen roten Aufkleber angebracht: Betreten streng verboten, statisch zu unsicher, einsturzgefährdet. Ich erwarte also Schulunterricht im Schichtsystem in dem letzten, übrigen Klassenzimmer. Wie viele Schülerinnen und Schüler passen wohl in das übrige Klassenzimmer? Ich erwarte voller Vorfreude die Möglichkeit, gerade mit den älteren Schülerinnen und Schülern zu reden. Wie haben sie das Erdbeben erlebt? Wie hat sich seither ihr Leben verändert?

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Ich weiß, in Nepal werden die Aufnahmetests zum Studium in der 10. Klasse absolviert – die Prüfungen gelten als sehr, sehr schwierig. In schlechten Jahren rasselt jeder zweite Schüler durch, in guten Jahren nur jeder dritte. Danach drücken die Schülerinnen und Schüler, die bestanden haben, zwei weitere Jahre die Schulbank, um studieren zu können. Gerade mit den 11ern und 12ern möchte ich mich unterhalten: Haben die Erdbeben und die Zerstörung ihrer Schule direkte Auswirkungen auf ihren Lebensplan? Bei allen Erwartungen und aller Vorfreude – ich bin mir sehr sicher, erneut warten gute Überraschungen auf mich.

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Gelebte Katastophenvorsorge mit Logistiker Rajindra

Am Montag ist nicht nur Kampagnenstart zu unserem Projekt „Wir bauen eine Schule für Nepal“. Nein, ich besuche just an dem Tag auch die Schülerinnen und Schüler der Sarada Secondary High School im Distrikt Ramechhap und mache mir vor Ort ein Bild vom Außmaß der Zerstörung dieser Schule. Schließlich wollen wir in den nächsten drei Monaten 100.000 Euro Spenden sammeln um diese Schule wieder aufzubauen.

Ja, richig, Ramechhap mit zwei h. Und Sarada spricht sich „Scharda“. Die Grundlagen müssen nämlich stehen, bevor es losgeht, dafür sorgt Rajendra Rajbhandari. Rajendra ist Logistiker im Country Team Nepal. Das große Erdbeben ist nun zwar mehr als 100 Tage her, aber unzählige große und kleine Nachbeben seither haben dabei geholfen, dass Rajindra sehr, sehr vorsichtig ist und sehr, sehr genau plant.

Weil er weiß, dass unsere Überlandfahrt am Montag losgeht, ist er heute Morgen zunächst mit unserem Fahrer die GPS Koordinaten der Sarada Schule durchgegangen. Auch hat er unseren brandneuen Geländewagen gecheckt: Scheibenwischer betätigt, Blinker und Lichter probiert. Dann hat er den Erste-Hilfe-Rucksack im Geländewagen überprüft. Schlagartig wurde seine unterdrückte Unruhe und Sorge dann offensichtlich. Rajendra rief die Büroassistentin Lattika hinzu und zu zweit glichen sie den Inhalt des wirklich großen Rucksacks mit einer Computerliste ab. Die Diskrepanzen waren offensichtlich; Rajendras Inventurliste schien allumfassend und beinhaltete neben Erste-Hilfe-Materialien und Medikamenten auch Nahrungsmittel. Ich versuchte mich zunächst, Rajiendra zu beschwichtigen („please believe me, its not necessary to include hard candy in this back pack for my trip“). Allein seine Andeutung von Erdrutschen, die von einem Erdbeben ausgelöst, unsere Straßen versperren könnte, schien mir einleuchtend und ließ mich verstummen.

Innerhalb kürzester Zeit waren wir gemeinsam auf dem Weg in den großen Supermarkt für Ausländer in Kathmandu. Dort angekommen, merkte ich sehr schnell: Rajendra war erstens hier noch nie und zweitens, kauft sehr selten ein. Zunächst diskutierte er mit einer Angestellten seinen Listenpunkt „Biskuits“ – an der Frage, ob es süße Kekse oder salzige Cracker bedeuten soll, schieden sich die Geister. Auf der Checkliste kommt dann „hard candy.“ Rajendra glaubt mir einfach nicht, dass für die Kategorie „hard candy“ Tic Tac reichen, weil es nur um Zucker geht. Er möchte deutsche Werther‘s Echte kaufen, zum sündhaft teuren Import-Preis. Wir einigen uns auf wirklich harte Hustenbonbons. Ähnlich bei dem Listenpunkt „candy bar.“ Unbedingt will er Snickers und nicht das nepalesische Modell, das ich vorschlage. Beim Listenpunkt „nuts“ wird er ungehalten mit den Angestellten des Supermarktes. Es gibt nämlich nur sortenreine Tüten. Er gräbt so lange in den Auslagen, bis er endlich eine Tüte mit unterschiedlichen Nüssen hat. Auch Mundschutz, Klappmesser, Anti-Allergikum und Eukalyptusöl kaufen wir. Für Paracetamol, Durchfallmittel, Electrolyte werden wir wohl in die Apotheke. Einmal ruft Rajiendra seine Frau an, weil er mich durchschaut. Ich will nur einen Schoko-Müsliriegel kaufen, und beide Punkte, „chocolate“ und „granola“ abhaken. Damit komme ich nicht durch, auch bei seiner Frau nicht.

Seit dem Erdbeben gehen Nepalesen auf Nummer sicher. Meine 7-stündige Fahrt in den Distrikt Ramechhap ins nepalesische Hinterland trete ich am Montag kompett ausgestattet an: Mit Solar-Taschenlampen, Radio, Medikamenten, Isomatte, Schlafsack und Zelt, sowie Wasser und Verpflegung für drei volle Tage. Auch Atemschutz ist in meinem Erste-Hilfe-Kasten, der liegt neben dem Snickers.

Auf den ersten Blick war es einfach ein langer Nachmittag im Supermarkt. Vor einigen Regalen wurde meine Geduld auf die Probe gestellt. Auf den zweiten Blick weiß ich allerdings nun auch, wie tief die Narben sind, die das Erdbeben bei Rajendra und vielen Nepali hinterlassen hat. Ich habe gespürt, wie tief die Angst sitzt und dass das Erdbeben den Menschen das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle geraubt hat. Und ich war gerührt davon, dass Rajendra versucht, für mich diese Sicherheit zu garantieren – auch mit je einem Päckchen „gemischte Nüsse“ und „hard candy.“

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Sonja Eberle
Ich mache seit 2007 Öffentlichkeitsarbeit für die Welthungerhilfe. Ich habe täglich mit Menschen zu tun, die der Welthungerhilfe Zeit und Energie spenden und uns unterstützen wollen – ein wirklich toller Job! Ein Job, der mich auch immer wieder hinaus in die Welt bringt, z.B. nach Ostafrika oder wie zuletzt nach Nepal.
Sonja Eberle

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Ein Kommentar

  • Crischo sagt:

    Klasse Artikel und Hut ab vor so viel Engagement. In das vom Erdbeben verwüstete Nepal zu reisen, um die Menschen dort zu unterstützen ist ein ganz besonderer Reisebericht! Danke schön.

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