Traumberuf Reiseleiter: Arbeiten damals und heute

Viele Urlauber schätzen während ihrer Reise die Beratung und Hilfestellung eines Reiseleiters. Neckermann Reisen bietet seinen Kunden diesen Service bereits seit Bestehen des Unternehmens – seit 55 Jahren. Welche Aufgaben hatte ein Reiseleiter früher und wie hat sich das Aufgabenbild verändert?

Michael Vetter, Regional Quality Manager bei Thomas Cook für die Länder Spanien, Portugal, Italien und weitere Reiseziele auf der Fernstrecke, hat 1994 bei Neckermann Reisen als Reiseleiter begonnen. Im Interview erzählt er über seinen Arbeitsalltag damals und wie sich das Arbeitsumfeld verändert hat. Dabei verrät er auch ein paar Anekdoten.

Herr Vetter, was war für Sie der Beweggrund Reiseleiter zu werden und wie haben Sie Ihren Berufsanfang erlebt?
Anfang der Neunziger Jahre war Arbeiten im Ausland noch nicht ganz so selbstverständlich wie es für viele junge Leute heute ist. Man träumte noch von der großen weiten Welt. Arbeiten an den Orten, wo andere Urlaub machen, war für mich der größte Reiz. Meinen ersten Einsatz hatte ich 1994 auf Djerba. Damals vermisste ich noch meine Heimat und Leckereien wie Gummibärchen, saure Gurken oder Schwarzbrot. Das hat sich aber in den vier folgenden Jahren, in denen ich auf Ibiza, Mallorca und Kuba war, gelegt.

Was waren damals Ihre Aufgaben als Reiseleiter?
Eine unserer Hauptaufgaben war es, die Gäste am Flughafen in Empfang zu nehmen und sie zu ihren Bussen zu begleiten. Dies war für sie ein wichtiger Moment, denn viele von ihnen waren noch wenig reiseerfahren und daher froh am Flughafen auf einen Mitarbeiter von Neckermann Reisen zu treffen, der ihre Sprache spricht. Während der Fahrt mit dem Bus ins Hotel haben wir die Gäste mit den Gepflogenheiten des jeweiligen Landes vertraut gemacht und sie bei den mehrfach wöchentlich stattfindenden Begrüßungstreffs über die Schönheit des Landes und passende Ausflugangebote informiert. Zu meinem Reiseleiter-Gebiet gehörten damals zwölf Hotels, zu denen ich regelmäßig mit meinem Dienstmofa gefahren bin, auch bei Sandsturm. Zu der Zeit kam es öfters vor, dass ich mich nachts im Schlaf selbst über Ausflugstipps habe reden hören – kein Wunder bei wöchentlich bis zu 30 Begrüßungstreffs.

Mit welcher Technik haben Sie damals gearbeitet?
Computer gab es noch keine, auch keine Diensthandys. Wir haben viel mit ausgedruckten Listen gearbeitet, die uns per Company-Mail in die Ziele geschickt wurden und mussten immer wieder Zahlen oder Rechnungen prüfen und gegenprüfen. So haben wir beim Check-In am Flughafen ausgedruckte Papiertickets gezählt, die alle einen roten Durchschlag hatten. Und am Ende hatten wir rote Finger. Am Flughafen gab es auch keine elektronischen Anzeigetafeln, sondern nur manuell erstellte Schilder. Um für die Gäste auf dem Rückflug der folgenden Tage das Essen zu bestellen, haben wir der Zentrale in Deutschland die Zahl der Passagiere per Telex gemeldet.

Und wie hat sich die Arbeit des Reiseleiters verändert?
Als Regional Quality Manager bin ich regelmäßig mit vielen Reiseleitern in Kontakt, zum Beispiel zur Klärung von Qualitätsoptimierungen unserer Dienstleistungen und regionalen touristischen Partnern.

An der Aufgabenstellung selbst hat sich nichts geändert. Es geht um den Service für den Gast während aller Kontaktphasen seiner Reise, das heißt Empfang am Flughafen, Transferorganisation, Ausflugsbegleitung, Ansprechpartner im Hotel, Verabschiedung am Flughafen.

Aber das Umfeld hat sich in den letzten Jahren stark geändert, in erster Linie die Technik. Arbeitsmittel wie Handy und IPad sind nicht mehr wegzudenken. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass die Gäste mittlerweile viel reiseerfahrener und besser informiert sind – egal ob über das Reiseziel oder über ihre Rechte, wenn es im Urlaub einmal zu Problemen kommen sollte. Die meisten Kunden sind internetaffin und nutzen digitale Medien, beispielsweise digitale Reiseführer wie unseren Travelguide (LINK: https://www.neckermann-reisen.de/travelguide). Zudem erwarten sie heute nicht mehr in jedem Hotel zu bestimmten Zeiten einen Reiseleiter anzutreffen. Sie wollen im Urlaub flexibel sein und individuell entscheiden, wann sie ihren Ausflug buchen oder die Abholzeit für die Rückreise erfahren möchten. Unser Reiseleiterservice ist deshalb rund um die Uhr erreichbar, auch per Mail oder Whats-App über unseren Connected-Service. Natürlich gibt es aber nach wie vor in bestimmten Hotels den klassischen Reiseleiter-Besuch.

Übrigens gab es zu meiner Zeit leider noch keine Quality Manager, also Kolleginnen und Kollegen, die sich in den Hotels um Qualitätsoptimierungen kümmern. Die hätten wir manchmal wirklich dringend gebraucht.

Gab es auch außergewöhnliche Situationen?
Oh ja einige. Besonders gefreut habe ich mich über eine Schwarzwälder-Kirsch-Torte, die mir ein Gast aus Deutschland nach Djerba mitgebracht hat – genau zu der Zeit als ich noch besonders stark heimatliche Genüsse vermisst habe. Die Torte kam zwar nicht mehr in der Originalform an, hat aber großartig geschmeckt.

Und dann erinnere ich mich sehr gerne an eine Familie, die aus den neuen Bundesländern kam und erstmals ihren Urlaub in Djerba verbrachte. Am ersten Tag nach der Ankunft kamen sie zu mir während meiner Besuchszeit im Hotel und ich gab ihnen einige Empfehlungen. Auch am nächsten Tag waren sie wieder da und wir unterhielten uns ganz wunderbar. Am dritten Tag waren sie dann wieder während meiner Besuchszeit in der Hotellobby und entschuldigten sich, dass sie am Folgetag nicht kommen könnten, da sie einen Ausflug unternehmen werden. Erst dann begriff ich, dass sie dachten, die Besuchszeit wäre etwas verpflichtendes und aus Sorge etwas zu verpassen, kamen sie jeden Tag zu mir.

Was denken Sie heute zurückblickend über diesen Beruf?
Meine vier Jahre als Reiseleiter sind eine tolle Erfahrung, die ich keinesfalls missen möchte. Denn in der Zeit habe ich ganz schnell gelernt, Eigenverantwortung zu übernehmen und schwierige Situationen zu meistern. Ein klein wenig blicke ich neidisch auf die heutige legere Kleidung der Kollegen im Aussendienst. Denn damals ging es noch sehr korrekt zu. Blaue Uniform mit Krawatte und geschlossenen Schuhen, auch die Kolleginnen trugen die entsprechende Uniform – und das bei heißen Temperaturen.

Auch heute kann ich nur jedem weltoffenen jungen Menschen, der den Kontakt zu anderen nicht scheut, raten, ins Ausland zu gehen und als Reiseleiter zu arbeiten. Eine bessere Erfahrung gibt es nicht.

 

Nach seiner Zeit als Reiseleiter war Michael Vetter ab 1998 in der Zentrale von Thomas Cook in verschiedenen Abteilungen wie dem Hoteleinkauf oder Prozessmanagement tätig. 2008 wechselte er in den neu geschaffenen Bereich Qualitäts- und Prozessmanagement, den er in verschiedenen Positionen mitgestaltete. Seit 2014 arbeitet er als Regional Quality Manager im Thomas Cook In Destination Management mit Sitz in der Schweiz.

Michael Vetter ist 46 Jahre und lebt seit 2009 in Berikon (AG) Pfäffikon in der Schweiz. In seiner Freizeit kümmert er sich sehr gern um seinen Garten.

 

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